WIR LEBEN LÄNGER … ALSO MACHEN WIR ETWAS DARAUS!
Der wahre Luxus besteht vielleicht nicht darin, 100 Jahre alt zu werden. Sondern mit 70, 80 oder 90 noch Pläne, Freunde und Neugier zu haben … und genügend fitte Knie, um tanzen zu gehen.
Am 1. Oktober ist der Internationale Tag der älteren Menschen. So. Jetzt ist es raus. Und nun eine kleine Frage an unsere Nolds mit 45, 50, 55 oder 60 Jahren: Wer fühlt sich angesprochen? Nicht besonders viele? Das haben wir uns gedacht. 😉
Hinter dieser Bezeichnung, bei der wir plötzlich das Bedürfnis verspüren, unser Geburtsdatum auf dem Ausweis zu überprüfen, steckt jedoch ein faszinierendes Thema: Wir leben länger. 2026 steht der Tag unter dem Motto «The Age of Longevity: Rethinking Systems for Longer Lives». Mehr Lebensjahre sind eine grossartige Errungenschaft. Entscheidend ist jedoch, diese zusätzlichen Jahre möglichst bei guter Gesundheit, selbstbestimmt, mit Würde und als aktiver Teil der Gesellschaft leben zu können.
Bei Nold würden wir noch etwas hinzufügen: Und bitte mit Genuss!
Longevity – das neue grosse Thema
Man muss nur ein Magazin aufschlagen oder durch Social Media scrollen: Longevity ist überall. Wir sprechen über biologisches Alter, Mikrobiom, Proteine, Muskelmasse, Schlaf, Fasten, kalte Bäder und Uhren, die unsere Schritte und unseren Schlaf zählen und uns vermutlich bald auch noch gratulieren, wenn wir richtig atmen.
Wir suchen alle ein wenig nach dem Geheimnis. Und vielleicht ist es am Ende weniger spektakulär als gedacht: regelmässig bewegen, die Muskulatur erhalten, meistens vernünftig essen, genügend schlafen, weiterlernen, Beziehungen pflegen, Pläne haben und ein paar Dinge einfach deshalb geniessen, weil sie uns guttun.
Die Wunderpille für ein langes Leben scheint also noch nicht erfunden zu sein. Bis dahin bleiben Spazieren, Freunde treffen und Gemüse essen erschreckend wirksam. 😉
Weniger, aber besser
Mit zunehmendem Alter kann etwas ausgesprochen Angenehmes passieren: Wir werden selektiver. Weniger Verpflichtungen, zu denen wir nur aus Höflichkeit Ja sagen, weniger Beziehungen, die uns Energie rauben, weniger Dinge, die wir eigentlich gar nicht brauchen, und weniger «Ich müsste noch …». Dafür mehr Raum für das, was wirklich zählt.
Ein gutes Essen statt zehn Einladungen, auf die wir eigentlich keine Lust haben. Einige Menschen, bei denen wir wirklich wir selbst sein können, statt eines beeindruckenden Adressbuchs. Eine Reise, von der wir lange geträumt haben, statt drei hastig organisierter Wochenenden. Weniger, aber besser.
Vielleicht schenkt uns ein längeres Leben eben auch genügend Erfahrung, um irgendwann zu wissen, wofür wir unsere Zeit und Energie einsetzen möchten. Denn irgendwann nach 45 oder 50 verstehen wir vielleicht etwas Entscheidendes: Unsere wertvollste Ressource ist nicht nur das, was wir besitzen. Es ist die Zeit, die wir haben, um das Leben zu geniessen.
Nicht bis zur Pensionierung warten, um anders zu leben
In meinem Umfeld beobachte ich immer häufiger, dass Menschen bereits mit 50 oder 55 Jahren beginnen, ihr Leben neu zu organisieren. Manche reduzieren ihr Arbeitspensum auf 80 oder 60 Prozent, wechseln die Funktion oder geben bewusst gewisse Verantwortlichkeiten ab. Nicht weil sie keine Lust mehr auf Arbeit haben, sondern weil sie verstanden haben, dass auch die Zeit, die wir uns heute freihalten, einen grossen Wert hat.
Manchmal kommt diese Erkenntnis nach einem Ereignis, das uns wachrüttelt. Ein Arbeitskollege hat einen Herzinfarkt, ein Freund wird krank oder jemand in unserem Alter stirbt viel zu früh. Plötzlich klingt dieses ewige «später» nicht mehr ganz so selbstverständlich. Wir merken, dass es vielleicht keine besonders gute Strategie ist, Gesundheit, Beziehungen und all die Dinge, die wir noch erleben möchten, konsequent auf die Pensionierung zu verschieben.
Und vielleicht können wir uns in dieser Hinsicht sogar ein wenig von den jüngeren Generationen abschauen. Viele scheinen früher verstanden zu haben, dass Arbeit nicht automatisch die höchste Form der Selbstverwirklichung sein muss. Arbeit kann spannend sein, Sinn geben, Begegnungen ermöglichen und natürlich unseren Lebensunterhalt sichern. Aber sie muss deshalb nicht jeden verfügbaren Platz in unserem Leben einnehmen.
Unsere Generation hat eher gelernt: zuerst arbeiten, leisten, durchhalten, Verantwortung übernehmen – und später geniessen. Heute beobachte ich immer mehr Menschen, die diese Gleichung verändern: weiterarbeiten, ja – aber gleichzeitig schon jetzt mehr Platz für das Leben schaffen.
Das Gleichgewicht liegt vielleicht in der Zeit für unsere eigenen Interessen, in regelmässiger Bewegung statt Sport «wenn irgendwann Zeit ist», in einer Ernährung, auf die wir bewusster achten, in genügend Schlaf, in unseren Leidenschaften, Reisen und ganz besonders in den sozialen Beziehungen, die wir pflegen. Eine erfolgreiche berufliche Laufbahn kann sehr erfüllend sein. Aber ein Körper, der uns noch erlaubt, in den Bergen zu wandern, einige gute Freunde, die wir spontan anrufen können, ein Tisch, an dem wir gerne zusammensitzen, eine Leidenschaft, die uns begeistert, und genügend Zeit für die Menschen, die uns wichtig sind, sind ebenfalls eine Form von Erfolg.
Vielleicht einfach eine, die sich etwas schwieriger auf LinkedIn eintragen lässt. 😉
Natürlich kann und möchte nicht jeder sein Arbeitspensum reduzieren. Die finanziellen Möglichkeiten sind unterschiedlich, und Arbeit kann weiterhin eine wunderbare Quelle von Sinn und Zufriedenheit sein. Wer jedoch diesen Spielraum hat, könnte die Rechnung einmal anders machen: nicht nur in Franken, Lohnprozenten oder Beitragsjahren, sondern auch in gewonnener Lebenszeit.
Denn vielleicht sollten wir nicht bis zur Pensionierung warten, um die Zeit zu geniessen, die wir gerade dadurch gewinnen möchten, dass wir länger leben.
Und um die 60 taucht plötzlich ein neues Wort auf: Pensionierung
Mit 45 scheint sie noch weit weg. Mit 55 beginnen manche langsam zu rechnen. Und gegen 60 denken selbst die Entspanntesten unter uns irgendwann: Vielleicht sollte ich diesen Ordner doch einmal öffnen, den ich seit … nun ja … einigen Jahren vor mir herschiebe.
Zur Vorbereitung gehören natürlich AHV, Pensionskasse, dritte Säule, zukünftiges Budget, Wohnen, Versicherungen und Steuern. Aber über eine andere Form der Vorbereitung sprechen wir viel weniger: Was mache ich eigentlich mit meinen Tagen?
Pensionierung bedeutet nicht nur, mit der Arbeit aufzuhören. Sie kann auch bedeuten, eine Tagesstruktur, Kolleginnen und Kollegen, Gewohnheiten und manchmal einen Teil der eigenen sozialen Identität zu verlieren. Warum also nicht neben dem Finanzplan gleichzeitig einen Lebensplan entwickeln?
Was möchte ich noch lernen? Mit wem möchte ich mehr Zeit verbringen? Möchte ich reisen, mein Wissen weitergeben, noch ein wenig arbeiten, mich freiwillig engagieren, mehr Zeit mit den Enkelkindern verbringen, etwas Neues erschaffen oder endlich die Gitarre wieder hervorholen, die seit 1987 irgendwo herumsteht?
Und vor allem: Wofür möchte ich am Montagmorgen aufstehen, wenn im Büro niemand mehr auf mich wartet? Diese Frage verdient wahrscheinlich genauso viel Aufmerksamkeit wie der Pensionskassenausweis.
Manche Dinge zu regeln gehört ebenfalls zur Freiheit
Zur Zukunftsplanung gehören auch einige Themen, die wir mit erstaunlichem Talent auf «später» verschieben. Wissen unsere Angehörigen, was wir uns wünschen würden, wenn wir selbst einmal nicht mehr entscheiden könnten? Haben wir eine Patientenverfügung? Entspricht unser Testament noch unserer heutigen Lebenssituation und unseren Wünschen?
Besonders glamourös ist das alles nicht. 😉 Und trotzdem kann es sehr beruhigend sein, solche Fragen zu klären. Es geht nicht darum, das Ende vorzubereiten. Es geht vielmehr darum, Entscheidungen selbst zu treffen, solange wir sie treffen können, unsere Angehörigen zu entlasten und zu wissen, dass wichtige Dinge geregelt sind.
Der Nold Club wird deshalb demnächst einen Workshop anbieten, bei dem unter anderem Fragen rund um Patientenverfügung und Testament gestellt werden können. Ziel ist es, besser zu verstehen, was sinnvoll geregelt werden kann und wo man überhaupt anfangen soll – verständlich und ohne unnötigen Fachjargon.
Eine persönliche Anmerkung
Dass mir dieses Thema besonders am Herzen liegt, hat einen Grund. Ich habe selbst schwierige Zeiten und belastende Erfahrungen im Zusammenhang mit Erbschaftsfragen erlebt. Diese Erfahrungen haben mich von etwas überzeugt: Manche Entscheidungen sollten möglichst früh getroffen werden, solange wir noch in Ruhe miteinander darüber sprechen können.
Wenn wir Kinder oder andere Nachkommen haben, finde ich es zudem wichtig, sie – soweit es die Situation erlaubt – in die Überlegungen einzubeziehen und das Gespräch zu suchen. Natürlich muss nicht alles gemeinsam entschieden werden. Aber die eigenen Entscheidungen zu erklären, Fragen anzuhören und gewisse unausgesprochene Erwartungen frühzeitig anzusprechen, kann sehr wertvoll sein.
Vorsorge bedeutet für mich nicht, ständig an das Lebensende zu denken. Es ist vielmehr eine Möglichkeit, die Menschen, die wir lieben, zu schützen und ihnen möglichst Fragen oder Konflikte zu ersparen, die wir vorher hätten klären können.
Dieses Thema verdient viel mehr als ein paar Absätze. Deshalb werden wir ihm demnächst einen eigenen Nold-Artikel widmen: Bedeutet Weitergeben wirklich nur, Vermögen zu hinterlassen?
Älter werden oder einfach weiterleben?
Wir haben manchmal eine seltsame Art, über das Alter zu sprechen. Wenn jemand mit 30 den Beruf wechselt, «erfindet er sich neu». Mit 60 wird dieselbe Person vielleicht gefragt, ob es nicht langsam Zeit wäre, «einen Gang zurückzuschalten».
Warum müssen wir uns entscheiden?
Wir können bei den Dingen, die uns langweilen, einen Gang zurückschalten und bei allem, was uns begeistert, noch einmal etwas Gas geben.
Eine berufliche Laufbahn kann enden, ohne dass damit unsere Projekte enden. Die Kinder können ausziehen und unerwartet neuen Raum schaffen. Eine Beziehung kann zu Ende gehen und Platz für eine neue Art zu leben oder zu lieben machen. Wir können etwas Neues beginnen, wieder studieren, anders reisen, uns verlieben, etwas erschaffen oder ganz einfach beschliessen, endlich mehr Zeit zu haben.
Unser Ausweis kennt unser Geburtsjahr. Er kennt weder unsere Playlist noch unsere Pläne.
Und wenn genau das Longevity wäre?
Natürlich können wir nicht alles kontrollieren. Gene spielen eine Rolle, Krankheiten ebenfalls, und weder Morgenroutine noch Nahrungsergänzung oder Smartwatch garantieren uns hundert Kerzen auf der Geburtstagstorte.
Aber wir können beeinflussen, wie wir einen Teil dieser kommenden Jahre gestalten: unseren Körper pflegen, Beziehungen erhalten, neugierig bleiben, unsere finanzielle Zukunft vorbereiten, wichtige Entscheidungen klären und weiterhin Pläne schmieden, auf die wir uns freuen.
Vielleicht lautet die wichtigste Frage also gar nicht «Wie alt werde ich?», sondern:
«Wie möchte ich die kommenden Jahre leben?»
Mit 45, 55, 60 oder 70 ist das eine Frage, die eine richtig gute Antwort verdient.
Not old. Nold. 💜




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