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Echte Beziehungen statt Smalltalk und Blabla!

8. Sept.
9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Okt.

Nach 45 bedeutet Beziehungen zu pflegen auch, genauer hinzuschauen, zuzuhören und manchmal eine Frage mehr zu stellen.


– Wie geht’s?– Gut, und dir?– Auch gut!

So. Psychologischer Zustandsbericht in vier Sekunden erledigt. 😉

Wir sagen diesen kleinen Satz fast täglich. Zu Freundinnen und Freunden, Arbeitskollegen, Nachbarn, unseren Kindern oder zu Menschen, denen wir beim Spaziergang mit dem Hund regelmässig begegnen. Aber wie oft warten wir wirklich auf die Antwort? «Wie geht’s?» ist fast zu einer Höflichkeitsformel geworden, auf die wir ebenso automatisch mit «Gut!» antworten.

Dabei kann sich hinter einem «Ja, ja, alles gut» einiges verbergen. Eine Trennung, ein Todesfall, alternde oder kranke Eltern, finanzielle Sorgen, eine Beziehung, die auseinanderbricht, Schwierigkeiten im Beruf, Einsamkeit oder auch wiederholte Misserfolge und Enttäuschungen, die nach und nach am Selbstvertrauen nagen.

Manchmal gibt es nicht einmal dieses eine grosse Ereignis, auf das man zeigen und sagen könnte: Das ist der Grund. Es ist vielmehr die Summe vieler Dinge. Ein Problem, dann das nächste. Eine schlechte Nachricht, eine Enttäuschung, ein paar Nächte mit wenig Schlaf und irgendwann das Gefühl, nicht mehr richtig vorwärtszukommen. Vielleicht gehört auch das Glas Wein am Abend dazu, das zunächst einfach Genuss und Entspannung bedeutet und mit der Zeit eine andere Funktion bekommt.

Jedes einzelne Problem mag noch irgendwie zu bewältigen sein. Zusammen können sie irgendwann ziemlich schwer werden.

Vielleicht sollten wir deshalb lernen, die Frage ein zweites Mal zu stellen:

«Nein, aber wirklich … wie geht es dir im Moment?»


Es muss nicht immer der beste Freund sein

Wenn wir über Unterstützung und Zusammenhalt sprechen, denken wir meistens zuerst an unsere engsten Beziehungen: Familie, Partnerschaft und gute Freundschaften. Doch unser soziales Netz ist viel grösser – und vielleicht auch wertvoller, als wir manchmal glauben.

Da ist die Nachbarin, mit der wir vor dem Haus fünf Minuten plaudern. Der Arbeitskollege, mit dem wir regelmässig Kaffee trinken. Die Frau aus dem Sportkurs, die wir jede Woche sehen. Ein ehemaliger Kollege, mit dem wir noch ab und zu Nachrichten austauschen, oder der Mann, dem wir jeden Morgen beim Spaziergang begegnen.

Wir kennen nicht unbedingt ihre ganze Lebensgeschichte. Wir wissen nichts über ihr Bankkonto, ihre schlaflosen Nächte oder darüber, was hinter ihrer Wohnungstür geschieht. Aber weil wir diese Menschen regelmässig sehen, kennen wir etwas anderes: ihre Gewohnheiten.

Und manchmal ist es gerade jemand aus diesem weiteren Umfeld, der als Erstes bemerkt, dass sich etwas verändert hat.

«Ich habe sie schon länger nicht mehr gesehen.»

«Er kommt gar nicht mehr mit zum Kaffee.»

«Sie sagt im Moment jede Einladung ab.»

«Normalerweise hat er immer einen Spruch auf Lager – und jetzt ist er so still.»

Natürlich bedeutet keine dieser Beobachtungen automatisch, dass jemand depressiv ist oder sich in einer schweren Krise befindet. Wir müssen und sollen keine Diagnosen stellen. Aber vielleicht gibt uns eine Veränderung einen guten Grund, etwas ganz Einfaches zu tun: nachzufragen.

Den anderen wahrnehmen – in einer ziemlich vernetzten Welt

Wir leben in einer eigenartigen Zeit. Innerhalb weniger Sekunden können wir erfahren, was eine Bekannte in Lissabon zum Abendessen hatte, die Ferienbilder eines ehemaligen Arbeitskollegen anschauen, den wir seit 15 Jahren nicht mehr gesehen haben, und täglich am Leben von Dutzenden Menschen auf Social Media teilnehmen.

Und gleichzeitig wissen wir vielleicht nicht, dass unser Nachbar seit drei Wochen allein zu Abend isst.

Wir haben Hunderte Kontakte, WhatsApp-Gruppen, Follower, Likes und Herzchen. Daraus können durchaus echte Beziehungen entstehen. Aber vernetzt zu sein bedeutet nicht automatisch, sich getragen zu fühlen.

Gerade deshalb lohnt es sich, die Menschen in unserem wirklichen Alltag nicht aus den Augen zu verlieren. Vielleicht zieht sich jemand zunehmend zurück, antwortet kaum noch auf Nachrichten, gibt Aktivitäten auf, die früher Freude gemacht haben, wirkt ständig erschöpft oder ungewöhnlich gereizt. Jemand trinkt mehr als früher, vernachlässigt sich oder sagt immer häufiger Sätze wie: «Ich kann einfach nicht mehr» oder «Es hat doch sowieso alles keinen Sinn.»

Ein einzelnes Zeichen muss nichts bedeuten. Wenn sich ein Mensch jedoch über längere Zeit deutlich verändert oder mehrere Dinge zusammenkommen, kann unsere Aufmerksamkeit wertvoll sein.

Manchmal braucht es nicht mehr als die Frage:

«Du wirkst in letzter Zeit etwas anders. Wie geht es dir wirklich?»

Den kleinen Schritt auf jemanden zu wagen

Was uns häufig davon abhält, ist die Angst, neugierig oder aufdringlich zu wirken. Wir denken: «Das geht mich eigentlich nichts an.» Und natürlich hat jeder Mensch ein Recht auf Privatsphäre.

Aber jemanden ehrlich zu fragen, wie es ihm geht, bedeutet nicht, ungefragt in sein Leben einzudringen. Die Person darf jederzeit sagen: «Danke, aber ich möchte im Moment nicht darüber reden.»

Wir können einfach sagen: «Vielleicht täusche ich mich, aber du wirkst in letzter Zeit stiller als sonst. Ich wollte einfach fragen, wie es dir geht.» Oder: «Ich habe dich schon eine Weile nicht mehr gesehen und wollte mich mal melden.»

Bei jemandem, den wir weniger gut kennen, vielleicht: «Du musst mir überhaupt nichts erzählen. Aber falls du irgendwann einen Kaffee trinken oder reden möchtest – ich bin da.»

Das sind kleine Sätze. Sie lösen kein Problem. Und trotzdem transportieren sie etwas, das in einer schwierigen Lebensphase enorm wichtig sein kann:

Ich sehe dich. Ich habe bemerkt, dass du fehlst. Du bist nicht gleichgültig.

Manchmal sieht Hilfe einfach wie eine Suppe aus

Wenn wir an «jemandem helfen» denken, stellen wir uns schnell ein tiefes Gespräch oder einen besonders klugen Rat vor. Im Alltag sieht Hilfe oft viel unspektakulärer aus.

Eine Nachricht: «Ich musste gerade an dich denken.» Eine Einladung zu einem Spaziergang. Ein Kaffee. Einkäufe mitbringen. Zusammen essen. Jemanden abholen, der im Moment nicht gerne allein aus dem Haus geht.

Oder warum nicht einfach eine Suppe bei der Nachbarin vorbeibringen?

Eine Suppe wird weder eine Depression noch eine Trennung oder einen Todesfall aus der Welt schaffen. Aber hinter dieser Suppe steckt eine andere Botschaft: Jemand hat an mich gedacht.

Auch die Einladung «Ich gehe eine halbe Stunde spazieren, kommst du mit?» kann manchmal leichter anzunehmen sein als ein feierliches «Wir müssen unbedingt reden». Manche Gespräche entstehen ganz von selbst, wenn zwei Menschen nebeneinander gehen, statt sich gegenüberzusitzen und darauf zu warten, dass einer endlich erzählt, was nicht stimmt.

Vielleicht sollten wir unsere Nachbarschaft wiederentdecken

Die Nachbarschaft verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit. Wir müssen keine engen Freunde sein, um ein wenig aufeinander achtzugeben. Einen Namen kennen, grüssen, fünf Minuten miteinander reden, eine ungewöhnliche Abwesenheit bemerken oder Hilfe anbieten – all das sind für sich genommen winzige Gesten.

Zusammen bilden sie jedoch eine Art soziales Netz direkt vor unserer Haustür.

Gerade in der Lebensmitte kann dieses Netz plötzlich wichtig werden. Eine Trennung, der Auszug der Kinder, eine Krankheit oder der Tod eines Partners können den Alltag innerhalb kurzer Zeit verändern. Die Wohnung ist dieselbe, die Möbel stehen noch am gleichen Ort und draussen fährt derselbe Bus vorbei. Aber die Stille fühlt sich plötzlich anders an.

Eine Nachbarin, die klingelt und sagt: «Ich habe viel zu viel Suppe gekocht, möchtest du etwas?», kann diese Stille nicht beseitigen. Aber sie öffnet für einen Moment eine kleine Tür.

Und an manchen Tagen ist das alles andere als wenig.

Die Falle der «starken» Menschen

Dann gibt es noch jene Menschen, um die wir uns selten Sorgen machen. Sie organisieren alles, kümmern sich um andere, unterstützen ihre Eltern, helfen ihren Kindern, arbeiten, planen das nächste Familienessen und schaffen es nebenbei noch, alle zum Lachen zu bringen.

Wir nehmen an, dass es ihnen gut geht, weil sie weiterhin funktionieren.

Doch funktionieren und sich gut fühlen sind nicht dasselbe.

Manche Menschen haben ihr ganzes Leben gelernt durchzuhalten. Sie bitten ungern um Hilfe, wollen niemandem zur Last fallen und gestehen manchmal erst dann ein, dass sie Unterstützung brauchen, wenn praktisch keine Kraft mehr da ist.

Fragen wir deshalb hin und wieder auch jene Person, die sich sonst immer nach allen anderen erkundigt:

«Und du? Wer schaut eigentlich im Moment zu dir?»

Die Antwort könnte uns überraschen.

Wenn das Glas am Abend langsam zur Stütze wird

Auch über Alkohol sollten wir in diesem Zusammenhang sprechen – nicht um das Glas Wein mit Freunden oder einen gemütlichen Apéro zu problematisieren, sondern weil sich die Funktion des Alkohols manchmal unbemerkt verändern kann.

Man trinkt nicht mehr nur, weil man dieses Glas geniesst. Es hilft nach einem schwierigen Tag beim Abschalten. Später vielleicht dabei, nicht mehr so viel nachzudenken oder leichter einzuschlafen. Wenn gleichzeitig eine Trennung, Einsamkeit, Trauer, beruflicher Stress oder wiederholte Enttäuschungen dazukommen, kann dieses Ritual allmählich mehr Raum einnehmen.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur: «Wie viel trinke ich?», sondern auch: «Warum brauche ich dieses Glas heute Abend?»

Diese Frage können wir uns selbst stellen. Und manchmal – mit viel Fingerspitzengefühl und ohne Vorwurf – auch einem Menschen, der uns nahesteht.

Zuhören, ohne sofort den Werkzeugkasten hervorzuholen

Wenn jemand endlich beginnt zu erzählen, passiert etwas sehr Menschliches: Wir suchen nach einer Lösung. Schliesslich wollen wir helfen.

Unser Gehirn schaltet schnell auf Lösung A – Lösung B – Lösung C – Problem erledigt.

Doch vielleicht braucht unser Gegenüber gerade keinen strategischen Dreijahresplan. Vielleicht braucht dieser Mensch einfach jemanden, bei dem er abladen darf, was schon viel zu lange schwer auf ihm liegt.

Eine einfache Frage kann dabei erstaunlich hilfreich sein:

«Möchtest du, dass ich dir einfach zuhöre, oder sollen wir gemeinsam überlegen, was dir helfen könnte?»

Damit vermeiden wir vielleicht auch einige Sätze, die gut gemeint sind, aber wenig helfen: «Denk positiv», «Du hast doch eigentlich alles, um glücklich zu sein», «Anderen geht es noch schlechter» oder «Jetzt reiss dich ein bisschen zusammen».

Hilfreicher können Sätze sein wie: «Das klingt wirklich schwierig.» «Danke, dass du mir das erzählst.» «Was belastet dich im Moment am meisten?»

Oder ganz einfach: «Ich weiss gerade nicht, was ich sagen soll. Aber ich bin da.»

Wir müssen nicht immer die perfekte Antwort haben.

Da sein ist manchmal schon eine Antwort.

Und wenn jemand nicht reden möchte?

Dann sollten wir das respektieren. Vielleicht ist die Person noch nicht bereit, findet keine Worte oder möchte gerade einfach nicht mit uns darüber sprechen.

Wir können die Tür trotzdem offenlassen: «Okay, ich will dich nicht drängen. Aber mein Angebot steht.»

Und einige Tage später wieder Kontakt aufnehmen. Nicht unbedingt mit einem «Na, geht’s jetzt besser?», denn damit vermitteln wir ungewollt, dass eine Verbesserung erwartet wird.

Vielleicht reicht:

«Kaffee am Donnerstag?»

Gerade wenn es jemandem wirklich schlecht geht, fehlt manchmal die Energie, selbst um Hilfe zu bitten. Deshalb ist der bekannte Satz «Meld dich, wenn du etwas brauchst» gut gemeint – aber «Ich rufe dich morgen an» kann in manchen Situationen noch hilfreicher sein.

Wenn wir die schwierige Frage stellen müssen

Im Hinblick auf den Welttag der Suizidprävention am 10. September gehört auch dieses Thema dazu, selbst wenn Suizid bewusst nicht im Mittelpunkt dieses Artikels steht. Die WHO stellt die Jahre 2024–2026 unter das Motto Changing the Narrative on Suicide und ruft dazu auf, das Schweigen zu durchbrechen und Gespräche zu ermöglichen.

Wenn ein Mensch tiefe Hoffnungslosigkeit ausdrückt, sagt, dass er nicht mehr leben möchte, über den Tod spricht, andeutet, andere wären ohne ihn besser dran, oder wenn wir uns ernsthaft Sorgen machen, sollten wir uns trauen, direkt zu fragen:

«Denkst du manchmal daran, dir etwas anzutun oder dir das Leben zu nehmen?»

Die Angst, dass eine solche Frage jemanden erst auf die Idee bringen könnte, ist verständlich, aber unbegründet. Ein offenes, ruhiges und wertfreies Gespräch kann vielmehr die Möglichkeit schaffen, etwas auszusprechen, das bisher verborgen geblieben ist.

Wenn die Antwort Ja lautet, müssen wir diese Verantwortung nicht allein tragen. Wir können helfen, einen Arzt oder eine Fachperson zu kontaktieren, die Person dabei begleiten und weiter mit ihr in Verbindung bleiben. Besteht eine unmittelbare Gefahr, lassen wir sie nicht allein und holen professionelle Hilfe.

Ein guter Freund, eine aufmerksame Nachbarin oder ein liebevoller Angehöriger zu sein bedeutet nicht, Therapeut zu werden.

Es bedeutet auch zu wissen, wann wir Unterstützung dazuholen müssen.

Und was ist mit uns selbst?

Zum Schluss bleibt vielleicht die unangenehmste Frage.

Oft fällt es uns leichter, anderen Hilfe anzubieten, als selbst darum zu bitten.

Also: Wem kannst du sagen, dass es dir nicht gut geht?

Wer sind die zwei oder drei Menschen, die du an einem schwierigen Abend anrufen könntest, ohne das Gespräch zuerst mit «Entschuldige, dass ich dich störe» beginnen zu müssen? Bei wem darf das automatische «Alles gut» einmal wegfallen und durch ein ehrliches «Im Moment ist es gerade schwierig» ersetzt werden?

Tiefe Beziehungen entstehen nicht nur dadurch, dass wir für andere da sind. Sie entstehen auch dann, wenn wir zulassen, dass andere für uns da sein dürfen.

Die kleine Nold-Challenge der Woche

Denk diese Woche an jemanden, den du schon länger nicht mehr gesehen hast. Eine Freundin, einen Bruder, eine ehemalige Arbeitskollegin, einen Nachbarn oder einfach jemanden, der früher stärker zu deinem Alltag gehörte.

Schreib eine Nachricht. Schlag einen Kaffee, einen Spaziergang oder ein gemeinsames Essen vor. Und vielleicht stellst du irgendwann im Gespräch eine Frage mehr als sonst:

«Wie geht es dir eigentlich wirklich im Moment?»

Und dann hör zu. Ohne das Handy zwischen euch. Ohne die Geschichte sofort mit deiner eigenen zu vergleichen. Und ohne das Gefühl, etwas reparieren zu müssen.

Denn Verbindung entsteht nicht nur dadurch, dass wir möglichst viele Menschen treffen und unseren Kalender mit Verabredungen füllen. Sie entsteht auch dadurch, dass wir einander wahrnehmen, einen Moment stehen bleiben und einem Menschen vermitteln:

«Es ist nicht egal, ob du da bist.»


WENN DU HILFE BRAUCHST

Die Dargebotene Hand – 143 bietet in der ganzen Schweiz rund um die Uhr anonyme und vertrauliche Unterstützung. Bei unmittelbarer Gefahr für dich selbst oder eine andere Person: Sanitätsnotruf 144.

Auch bei psychischer Belastung, schwieriger Trauer oder Problemen mit Alkohol oder anderen Abhängigkeiten gibt es professionelle Unterstützung durch Ärztinnen und Ärzte, psychiatrische Dienste, Suchtberatungsstellen und spezialisierte Beratungsangebote. Auch Angehörige und Freunde dürfen sich beraten lassen.



Wie geht es Dir wirklich?
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