GENERATION X 2040. Und wenn der September unser eigentliches Neujahr wäre?
- Sandra Carmen
- 18. Aug.
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Aug.
Im August den September vorbereiten: Bilanz ziehen, Gewohnheiten verändern und wieder mehr Freude in die kommenden Monate bringen
Lesezeit: 6–7 Minuten
Der August ist noch lange nicht vorbei
Die Abende sind noch lang. Die Terrassen voll. Unsere Sandalen denken überhaupt nicht daran, wieder im Schrank zu verschwinden, und auch der Grill ist offensichtlich der Meinung, seine Saison sei noch lange nicht beendet.
Und trotzdem ...
Und mit ihm kehrt ein Gefühl zurück, das unsere Generation ziemlich gut kennt:
der Schulanfang. Der Neustart.
Erinnerst du dich?
Ein neuer Ordner. Hefte ohne Eselsohren. Stifte, die tatsächlich noch alle funktionierten. Vielleicht ein neues Paar Schuhe.
Und natürlich die neue Agenda, die uns dieses wunderbare Gefühl gab:
Dieses Jahr werde ich perfekt organisiert sein.
Drei Wochen später war der Lieblingsstift verschwunden, das Matheheft hatte bereits einen undefinierbaren Fleck und die guten Vorsätze zeigten erste Ermüdungserscheinungen.
Aber dieses Gefühl eines Neuanfangs hatte etwas Schönes.
Warum sollten wir es eigentlich den Schülerinnen und Schülern überlassen?
Mit 45, 55 oder 65 haben wir vielleicht sogar noch mehr Gründe, uns einen neuen Start zu gönnen.
Nicht, um alles von vorne zu beginnen.
Langsam taucht der September in unseren Agenden auf. Kurz stehen bleiben und uns zu fragen:
Was möchte ich dieses Jahr eigentlich noch erleben?
Der Blick in den Rückspiegel
Lange Zeit bestimmte der September unseren Rhythmus.
Die Schule begann wieder.
Später kamen die Kinder in die Schule.
Die Ferien waren vorbei.
Die Arbeit nahm wieder Fahrt auf.
Kurse und Aktivitäten starteten.
Die Agenda füllte sich.
Der Wecker klingelte wieder früher.
September bedeutete vor allem:
Zurück in den Alltag.
Heute ist etwas anders.
Zwischen 45 und 65 können viele von uns zunehmend selbst entscheiden, wie dieser Alltag aussehen soll.
Und vielleicht gehört genau das zu den schönen Seiten dieser Lebensphase:
Wir haben genügend Erfahrung, um langsam zu wissen, was uns guttut.
Und hoffentlich noch genügend Neugier, um zu verändern, was uns nicht mehr entspricht.
Bevor der September also automatisch jedes freie Feld in unserer Agenda besetzt, könnten wir einige davon bewusst freihalten.
Oder noch besser:
mit etwas füllen, das wir selbst gewählt haben.
Acht Monate sind vorbei. Na und?
Wir sind an Jahresrückblicke gewöhnt.
Ende Dezember sollen wir zwischen Weihnachtsessen, Geschenken und einem langsam nadelnden Christbaum zwölf Monate analysieren und gleichzeitig grossartige Vorsätze für die nächsten zwölf formulieren.
Der Zeitpunkt ist, sagen wir einmal, suboptimal. 😉
Warum also warten?
Der August eignet sich wunderbar für einen kleinen Zwischenhalt.
Nicht für eine Leistungsbilanz.
Kein Excel-Sheet.
Kein:
«Habe ich dieses Jahr genug geleistet?»
Sondern eine kleine Lebensbilanz.
Frag dich:
Was hat mir seit Januar wirklich gutgetan?
Was hat mir viel zu viel Energie geraubt?
Was habe ich gelernt?
Was akzeptiere ich weiterhin, obwohl es mir eigentlich nicht mehr entspricht?
Und was verschiebe ich seit Monaten mit dem Satz: «Das mache ich, wenn ich Zeit habe»?
Wir kennen das Problem.
Die freie Zeit ruft leider nur selten an und sagt:
«Hoi, ich wär jetzt da!» 😉
Warum ein Neustart tatsächlich helfen kann
Das Gefühl eines Neuanfangs ist nicht nur Nostalgie.
Die Verhaltensforscher Hengchen Dai, Katherine Milkman und Jason Riis untersuchten den sogenannten Fresh Start Effect.
Sie fanden, dass bestimmte zeitliche Markierungen – etwa der Beginn einer Woche, eines Monats, eines Jahres oder Semesters sowie Geburtstage – mit einer stärkeren Hinwendung zu persönlichen Zielen verbunden sein können.
Solche Zeitpunkte können offenbar eine mentale Grenze schaffen zwischen:
«Das war vorher.»
und
«Jetzt beginnt etwas Neues.»
Das bedeutet natürlich nicht, dass der 1. September über magische Kräfte verfügt.
Schade eigentlich.
Dieser Artikel wäre wesentlich kürzer geworden.
Aber wir können einen solchen Zeitpunkt bewusst nutzen.
Und deshalb gefällt mir dieser Gedanke:
Im August bestimmen wir die Richtung. Der September kann uns den Anstoss geben.
Verändere nicht dein ganzes Leben. Verändere etwas.
Wenn wir an Veränderung denken, denken wir erstaunlich schnell in grossen Dimensionen.
Den Beruf wechseln.
Umziehen.
Eine Weiterbildung beginnen.
Eine Beziehung beenden.
Ein neues Leben anfangen.
Manchmal ist genau das richtig.
Aber häufig beginnt Veränderung viel unspektakulärer.
Mit einer kleinen Gewohnheit.
Eine bekannte Studie zur Gewohnheitsbildung begleitete Menschen dabei, wie sie ein neues Verhalten regelmässig im Alltag wiederholten. Wie lange es dauerte, bis sich dieses Verhalten weitgehend automatisierte, unterschied sich stark: In der Studie reichte die Spannweite von 18 bis 254 Tagen. Die oft zitierte Behauptung, eine neue Gewohnheit sei nach genau 21 Tagen etabliert, ist also viel zu einfach.
Und noch etwas finde ich beruhigend:
Eine einzelne verpasste Gelegenheit verhinderte in dieser Untersuchung nicht gleich die gesamte Gewohnheitsbildung.
Mit anderen Worten:
Wenn der Dienstag nicht funktioniert hat, ist der Mittwoch nicht verloren.
Oder schweizerischer:
Nöd grad de Bettel hinschmeisse. 😉
Wir dürfen aufhören zu denken:
«Jetzt habe ich meine Sportstunde verpasst. Das war's.»
und stattdessen sagen:
«Okay. Dann am Donnerstag.»
Das klingt doch wesentlich entspannter.
Die Nold-Challenge: EINE Sache
Deshalb gibt es hier keine Liste mit:
«10 Gewohnheiten, die dein Leben bis Weihnachten komplett verändern.»
Aus dem Alter für Wunderlisten sind wir hoffentlich langsam heraus.
Wähle eine Sache.
Nur eine.
Mehr Bewegung
Das muss kein Halbmarathon sein.
Nach dem Essen spazieren gehen.
Wieder Velo fahren.
Yoga ausprobieren.
Schwimmen gehen.
Krafttraining beginnen.
Tanzen.
Und ja: Im Wohnzimmer zu tanzen zählt ebenfalls.
Die komplette Flashdance-Choreografie ist freiwillig.
Etwas Neues lernen!
Italienisch.
Fotografieren.
Töpfern.
Künstliche Intelligenz.
Gitarre.
Thailändisch kochen.
Eine berufliche Weiterbildung.
Und Lernen muss nicht immer den Lebenslauf verbessern.
Wir dürfen etwas lernen, einfach weil es uns Spass macht.
Was für ein revolutionäres Konzept. 😉
Untersuchungen bei Erwachsenen im mittleren und höheren Alter zeigen Zusammenhänge zwischen bestimmten geistig anregenden Freizeitaktivitäten und verschiedenen positiven Wohlbefindens- und Gesundheitsindikatoren. Dabei handelt es sich um Beobachtungsdaten – nicht um den Beweis, dass ein Kreuzworträtsel oder ein Buch allein vor Krankheiten schützt.
Etwas erschaffen
Malen.
Schreiben.
Gärtnern.
Nähen.
Fotografieren.
Mit Holz oder Metall arbeiten.
Ein altes Möbelstück restaurieren.
Etwas mit den eigenen Händen entstehen zu lassen, kann gerade in einer Zeit wohltuend sein, in der so vieles auf einem Bildschirm stattfindet.
Zeit reservieren
Vielleicht ist das die schwierigste neue Gewohnheit überhaupt.
Einen Abend ohne Verpflichtungen blockieren.
Ohne Handy spazieren.
Eine Stunde lesen.
Am Sonntagmorgen nichts planen.
Oder einfach nicht jederzeit erreichbar sein.
Eine freie Stelle in der Agenda ist nicht zwingend ein Problem, das gelöst werden muss.
Und wo bleibt eigentlich der Spass?
Bei «guten Gewohnheiten» passiert etwas Interessantes.
Plötzlich wird alles sehr vernünftig.
Gesünder essen.
Mehr bewegen.
Genügend schlafen.
Finanzen ordnen.
Vorsorge prüfen.
Papierkram erledigen.
Wenn wir nicht aufpassen, wird unser September eher zu einem Verwaltungsprogramm als zu einem Neuanfang.
Also fehlt noch eine ziemlich wichtige Frage:
Was macht mir eigentlich Freude?
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung mit Daten von 2'037 Erwachsenen fand positive Zusammenhänge zwischen häufigeren Freizeitaktivitäten und der selbst eingeschätzten körperlichen und psychischen Gesundheit. Soziale Aktivitäten und Achtsamkeitsaktivitäten zeigten stärkere Zusammenhänge mit der psychischen, körperliche Freizeitaktivitäten mit der physischen Gesundheit. Auch hier handelt es sich um Zusammenhänge und nicht um den Beweis einer direkten Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Trotzdem erinnert uns das an etwas Wichtiges:
Freude muss nicht erst nach allen Pflichten kommen.
Sie darf Teil des Programms sein.
Also:
Welches Konzert möchtest du noch besuchen?
Welches Buch möchtest du lesen?
Mit wem möchtest du endlich wieder einmal essen gehen?
Was möchtest du vor Jahresende zum ersten Mal ausprobieren?
Auch das sind Ziele.
Vielleicht sogar besonders schöne.
Aus «Ich würde gerne» einen Termin machen
Wir sind hervorragend darin, zu sagen:
«Ich würde gerne wieder mehr Sport machen.»
«Ich würde gerne meine Freunde öfter sehen.»
«Ich würde gerne Italienisch lernen.»
«Ich würde gerne mehr Zeit für mich haben.»
Und dann kommt das Leben dazwischen.
In der Psychologie wurde deshalb untersucht, was passiert, wenn eine Absicht mit einer konkreten Situation und Handlung verbunden wird – also beispielsweise wann, wo und wie etwas geschehen soll.
Eine Meta-Analyse von Peter Gollwitzer und Paschal Sheeran über 94 unabhängige Tests fand einen positiven Effekt solcher Implementation Intentions auf das Erreichen von Zielen.
Praktisch sieht das so aus:
❌ «Ich möchte mehr laufen.»
✔️ «Am Dienstag nach der Arbeit gehe ich 30 Minuten spazieren.»
❌ «Ich möchte meine Freunde häufiger sehen.»
✔️ «Am ersten Donnerstag im Monat verabrede ich mich mit jemandem zum Essen.»
❌ «Ich brauche mehr Zeit für mich.»
✔️ «Am Sonntagmorgen bis 11 Uhr plane ich nichts.»
Der Nold-Tipp lautet deshalb:
Gib dem, was dir wichtig ist, einen Termin.
Denn was nie in der Agenda landet, verliert erstaunlich oft gegen das, was schon drinsteht.
Und wenn unsere neue Gewohnheit wäre, neue Menschen kennenzulernen?
Bei der Planung unserer «Rentrée» vergessen wir häufig einen Bereich:
unser soziales Leben.
Zwischen 45 und 65 kann sich darin sehr viel verändern.
Kinder werden selbstständiger.
Freunde ziehen weg.
Beziehungen entstehen oder enden.
Arbeitskolleginnen und -kollegen wechseln.
Auch unsere eigenen Interessen verändern sich.
Man kann viele Menschen kennen und trotzdem Lust auf neue Begegnungen haben.
Und diese Beziehungen sind keineswegs nebensächlich.
Eine grosse Meta-Analyse mit 148 Studien und mehr als 300'000 Teilnehmenden fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen stärkeren sozialen Beziehungen und einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit. Das ist ein Ergebnis auf Bevölkerungsebene und bedeutet natürlich nicht, dass ein einzelnes Abendessen das Leben verlängert.
Aber die Forschung erinnert uns daran:
Beziehungen zählen.
Und zwar nicht nur jene, die wir bereits haben.
Im September findet unser nächster Z'Nacht Tisch statt?
Am 26. September findet das nächste gemeinsame Essen "Z'Nacht" des Nold Club in Solothurn statt.
Du kennst niemanden?
Perfekt.
Also ... fast. 😉
Genau darum geht es.
Menschen mit unterschiedlichen Geschichten zusammenzubringen.
Du musst nicht denselben Beruf haben.
Nicht dieselbe Lebensgeschichte.
Nicht dieselbe Familiensituation.
Und schon gar nicht zu allem dieselbe Meinung.
Im Gegenteil.
Ein Tisch wird erst interessant, wenn unterschiedliche Menschen daran Platz nehmen.
Das Menü (Vegetarier/Vegan meldet Euch) wird zwei Wochen vorher bekannt gegeben. Der Preis beträgt CHF 45.– pro Person, exklusive Getränke; mit der Bezahlung ist die Anmeldung verbindlich.
Aber vielleicht ist das eigentlich Interessante an diesem Abend gar nicht das Menü.
Sondern:
ein Gespräch, das du zu Hause nie geführt hättest.
Eine neue Bekanntschaft.
Eine Idee.
Ein herzhaftes Lachen.
Und vielleicht der Satz:
«Das machemer wieder.»
Der Nold-August-Check
Nimm ein Blatt Papier.
Oder dein Handy.
Oder – für die Puristen der Generation X – dieses wunderschöne Notizbuch, das du vor drei Jahren gekauft und seither konsequent nicht benutzt hast.
Beantworte fünf Fragen:
MEINE ENERGIE
Was gibt mir Energie – und was nimmt mir zu viel davon?
MEIN KÖRPER
Welche kleine Gewohnheit würde mir diesen Herbst regelmässig guttun?
MEINE BEZIEHUNGEN
Wen möchte ich häufiger sehen? Und bin ich offen dafür, neue Menschen kennenzulernen?
MEINE PROJEKTE
Was schiebe ich immer wieder auf, obwohl es mir wirklich wichtig ist?
MEINE FREUDE
Was tue ich einfach deshalb, weil es mir Freude macht?
Und dann kommt noch eine sechste Frage:
Welche «Premiere» möchte ich vor Dezember noch erleben?
Das Nold-Schmunzeln
Mit 17 konnte ein Neustart bedeuten:
eine neue Frisur,
neue Schuhe,
einen neuen Ordner
und die felsenfeste Überzeugung:
Dieses Jahr wird alles anders.
Ein paar Jahrzehnte später können wir die Schuhe vielleicht behalten ...
und in etwas Interessanteres investieren. 😉
Und wenn morgen schon Dezember wäre?
Stell dir kurz vor:
Es ist der 31. Dezember.
Nicht um zu beurteilen, was du alles geleistet hast.
Sondern was du erlebt hast.
Was würdest du bereuen, dieses Jahr nicht gemacht zu haben?
Dieses Wochenende, das du immer wieder verschiebst?
Das Konzert?
Die Weiterbildung?
Das Gespräch?
Den Menschen, den du längst wieder einmal anrufen wolltest?
Diese berufliche Idee?
Dieses etwas verrückte Projekt?
Dieses «Nein», das du längst sagen solltest?
Oder dieses «Ja», auf das du schon viel zu lange wartest?
Wir haben August.
Es bleiben noch mehr als vier Monate.
Lang genug, damit etwas passieren kann.
Und kurz genug, um nicht alles auf irgendwann zu verschieben.
Im August den September vorbereiten
Wir brauchen keinen neuen Schulthek mehr, um uns einen Neustart zu erlauben.
Und wir müssen ganz sicher nicht bis zum 1. Januar warten, um etwas zu verändern.
Der September verlangt nicht von uns, ein anderer Mensch zu werden.
Er kann uns einfach die Gelegenheit geben, die Person anzuschauen, die wir heute sind, und uns zu fragen:
Was möchte ich behalten?
Was möchte ich loslassen?
Was möchte ich ausprobieren?
Wen möchte ich kennenlernen?
Und vor allem:
Was möchte ich noch erleben?
Wähle eine Sache.
Nicht zehn.
Gib ihr Raum.
Gib ihr einen Termin.
Und probiere es aus.
Wenn es einmal nicht klappt, probiere es nochmals.
Unsere neuen Schuletuis und Stundenpläne sind vielleicht längst Geschichte.
Aber eines haben wir ganz sicher nicht verloren:
das Recht auf viele weitere erste Male.
Also: Uf was freusch du dich im September?
Quellen
Dai, Milkman & Riis, Management Science (2014) – «Fresh Start Effect» und zeitliche Orientierungspunkte.
Lally et al., European Journal of Social Psychology (2010) – Entstehung neuer Gewohnheiten im Alltag.
Gollwitzer & Sheeran, Advances in Experimental Social Psychology (2006) – Meta-Analyse zu Implementation Intentions.
Holt-Lunstad, Smith & Layton, PLOS Medicine (2010) – Meta-Analyse zu sozialen Beziehungen und Mortalität.
Brown et al. (2026) – Freizeitaktivitäten und selbst eingeschätzte körperliche und psychische Gesundheit.




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